Hinweis: Der Antrag des Bundesvorstands findet sich hier:
https://antraege.gruene.de/52bdk/zum-besseren-neues-wachstum-fur-unser-land-7749
Der Antrag kritisiert zu Recht, dass China den Wettbewerb mit Subventionen, einer unterbewerteten Währung und Überkapazitäten verzerrt. Glaubwürdig ist diese Kritik nur, wenn wir auch die eigenen Ungleichgewichte in den Blick nehmen.
Deutschland erzielt seit Anfang der 2000er Jahre durchgehend hohe Leistungsbilanzüberschüsse, im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2019 rund 7,5 % des BIP. 2024 lag der Überschuss laut EU-Kommission bei 5,8 % des BIP. Angesichts unserer Wirtschaftsstruktur wären nur etwa 1,2 % zu erwarten. Dass der Überschuss zuletzt gesunken ist, liegt laut Kommission vor allem an schwachen Exporten, nicht an einer stärkeren Binnennachfrage (1). Nachhaltig ist der Abbau nur, wenn Investitionen und Einkommen im Inland wachsen.
Das Problem ist europäisch. Laut EU-Kommission spiegelt der anhaltende Außenüberschuss des Euroraums und der EU ein chronisches Ungleichgewicht wider: Es wird zu wenig investiert im Verhältnis zur Ersparnis (2). Nach dem Letta-Bericht fließen jedes Jahr rund 300 Milliarden Euro an europäischen Ersparnissen ins Ausland, vor allem in die USA (3). Gleichzeitig braucht Europa laut Draghi-Bericht zusätzliche Investitionen von 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr (4). Die Kapitalmarktunion und die WIN-Initiative der Bundesregierung, die der Antrag fordert, setzen genau hier an. Der Änderungsantrag macht diesen Zusammenhang sichtbar.
Viele Maßnahmen dieses Antrags wirken in dieselbe Richtung: Investitionszulage, Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz, höhere Tarifbindung, ein armutsfester Mindestlohn und Entlastungen bei der Einkommensteuer. Der Änderungsantrag verbindet so den Schutz nach außen (Hebel 2) mit der Stärke im Inneren (Hebel 1 und 3).
Das EU-Verfahren bei makroökonomischen Ungleichgewichten ist bisher asymmetrisch. Als Warnschwelle gelten Überschüsse von 6 %, aber Defizite schon von 4 % des BIP, jeweils im Dreijahresdurchschnitt (5). Eine symmetrische Regel verteilt die Anpassungslast fair zwischen Überschuss- und Defizitländern und stärkt den europäischen Ansatz des Antrags.
Quellen:
(1) Europäische Kommission, In-Depth Review 2025 – Germany, Institutional Paper 307, 2025: https://economy-finance.ec.europa.eu/document/download/6444dd33-6ba1-467b-acff-e8b6f0df56b4_en?filename=ip307_en.pdf
(2) Europäische Kommission, Alert Mechanism Report 2026, COM(2025) 956, 25.11.2025: https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-16141-2025-INIT/en/pdf
(3) Enrico Letta, Much more than a market, Bericht an den Europäischen Rat, April 2024: https://www.consilium.europa.eu/media/ny3j24sm/much-more-than-a-market-report-by-enrico-letta.pdf
(4) Mario Draghi, The future of European competitiveness, September 2024: https://commission.europa.eu/topics/eu-competitiveness/draghi-report_en
(5) Europäische Kommission, Macroeconomic imbalance procedure – Scoreboard: https://economy-finance.ec.europa.eu/economic-governance-framework/macroeconomic-imbalance-procedure/scoreboard_en

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